Erschienen in: Verhaltenstherapie. 1991, Jg. 1, S. 223-225

Die Yale-Brown Obsessive Compulsive Scale (Y-BOCS): Ein halbstrukturiertes Interview zur Beurteilung des Schweregrades von Denk- und Handlungszwängen

I. Hand, H. Büttner-Westphal

Psychiatrische Universitäts-Klinik Hamburg, Verhaltenstherapie - Ambulanz
 

Zusammenfassung und Schlüsselwörter:

Dieser Beitrag gibt eine Einführung zur deutschsprachigen Übersetzung der Y-BOCS. Zusammenfassend werden die folgenden Bereiche dargestellt: Items und Auswertung: Studien zur Reliabilität und Validität, ergänzt durch Hinweise auf die Ergebnisse einer Pilot-Vergleichsstudie (n=10 Zwangskranke) der Autoren zwischen Y-BOCS-Fremdratings und HZI- (Hamburger Zwangs-Inventar) Selbstratings; wesentliche Veränderungen von der 1986er- zu der 1989er- Fassung der Y-BOCS.

Zwangskrankheit - Tests zur Zwangssymptomatik - Yale-Brown Obsessive Compulsive Scale (Y-BOCS) - Hamburger Zwangs-Inventar (HZI).
 

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bulletDie Y-BOCS im Überblick: Items und Auswertung
bulletReliabilität und Validität der Y-BOCS, sowie erster Vergleich mit dem HZI
bulletAnmerkungen zur deutschen Übersetzung der Y-BOCS
bulletQuellenhinweis: Yale-Brown Obsessive Compulsive Scale
bullet
(Y-BOCS) in der deutschen Fassung (1991)
bulletLiteratur

 

Die Y-BOCS im Überblick: Items und Auswertung

Die Yale-Brown Obsessive Compulsive Scale (Y-BOCS. Goodman et al. 1986, revidierte Fassung 1989) ist in der englischsprachigen, vor allem der amerikanischen Forschung seit einigen Jahren das Standard-Fremdrating-Verfahren zur qualitativen Spezifizierung und Quantifizierung des Schweregrades von Zwangsstörungen nach DSM-III-R (American Psychiatric Association 1987). Sie wird als halbstrukturiertes Interview eingesetzt und besteht aus 19 (Originalversion 1986) bzw. 21 (revidierte Version 1989) Items.

In den internationalen Psychopharmakastudien zur Zwangsstörung werden die beiden zusätzlichen Items 1b und 6b (revidierte Version 1989), sowie die Items 11-19 (aus beiden Versionen) für den Gesamtscore nicht berücksichtigt, da bisher die Validität und Reliabilität dieses Interviews nur für die ersten zehn Items gesichert sind (s.u.). Der Schweregrad von Denk- und Handlungszwängen wird getrennt und jeweils im Hinblick auf Zeitaufwand, Beeinträchtigung im Alltagsleben, empfundenen Leidensdruck, eingesetzten Widerstand und die tatsächlich ausgeübte Kontrolle über die Symptomatik beurteilt. Die jeweilige Ausprägungsmöglichkeit reicht von 0 (nicht vorhanden) bis 4 (extrem ausgeprägt), so daß der Gesamtscore der Y-BOCS (Item 1-10) zwischen 0 und 40 liegen kann. Die Scores für Denk- und Handlungszwänge können getrennt dargestellt werden (Summen der Items 1-5 bzw. 6-10).

Als "Cut-off-Punkt" für eine klinisch ausgeprägte Symptomatik (bzw. als Eingangskriterium für die Pharmastudien) gilt in den bisher publizierten Studien ein Gesamtscore von 16 (bei gleichzeitig vorliegenden Denk- und Handlungszwängen) bzw. 10 (bei ausschließlichem Vorliegen von Denk- oder Handlungszwängen), sofern die Diagnose einer Zwangsstörung nach DSM-III-R gesichert ist. Da der Gesamtscore, wie beschrieben, unabhängig von der Anzahl und der Art der Zwangssymptome ist, ermöglicht er einen Vergleich des Schweregrades der Zwangsstörung bei Patienten mit unterschiedlichen Denk- und Handlungszwängen.
 
 
 
Reliabilität und Validität der Y-BOCS, sowie erster Vergleich mit dem HZI

Die psychometrische Analyse der Y-BOCS (Goodman et al. 1989a) ergab im Hinblick auf die Interrater-Reliabilität sowohl für den Gesamtscore als auch für die ersten zehn Items hohe Übereinstimmungen, da alle Korrelationen über 0,85 lagen (Pearson's Korrelationskoeffizient). Hinsichtlich der internen Konsistenz ergab sich ein Durchschnittswert von 0,89 (Cronbachs alpha) für alle "Rater".

Eine Validitätsstudie (Goodman et al. 1989b) erbrachte folgende Resultate: Bei der Überprüfung der konvergenten Validität ergaben sich hohe Korrelationen (nach Pearson) mit zwei unabhängigen Skalen zur Erfassung von Zwangserkrankungen (Clinical Global Impression. Global OC Severity Scale. CGI-OCS: r = 0,74; National Institute of Mental Health Global Obsessive Compulsive Severity Scale, NIMH-OC: r = 0,67; beide in: Guy 1976). Die Korrelation mit der "Maudsley Obsessional Compulsive Checklist" (MOCI. Hodgson et al. 1977) lag lediglich bei r = 0,53. Die diskriminante Validität wurde überprüft durch Korrelationen mit der Hamilton-Depressionsskala und der Hamilton-Angstskala. Die signifikanten Ergebnisse (HAM-D: r = 0,60; HAM-A r = 0,47) zeigen, daß alle drei Skalen keine differentialdiagnostische Abgrenzung der entsprechenden Diagnosegruppen ermöglichen.

In einer durch das BMFT geförderten Therapie-Pilotstudie (Hand et al. 1991) konnten die von den Patienten (n=10) im Therapieverlauf berichteten Verbesserungen der Zwangssymptomatik nach Therapieende durch signifikante Veränderungen der Y-BOCS Ratings im Bereich der Handlungszwänge (p = 0,042) bestätigt werden. Diese Veränderungen wurden allerdings in den Selbstratings der Patienten im Hamburger Zwangsinventar (Zaworka et al. 1983; Klepsch et al. 1991) - das gegenwärtig das testpsychologisch am besten abgesicherte Selbstrating- verfahren darstellen dürfte und Zwangssymptomatik nach teilweise völlig anderen Kriterien und über ein längeres Zeitintervall (3 Monate versus 1 Woche) als die Y-BOCS erfaßt - nicht signifikant. Unsere Ergebnisse lassen noch keine Aussage darüber zu, ob die Y-BOCS- oder die HZI-Ergebnisse die Veränderungen des Zwangsverhaltens im Alltagsleben adäquater widerspiegeln - bzw. in welchem Ausmaß die Ergebnisse dieser Meßinstrumente auch Botschaften der Patienten an den Therapeuten widerspiegeln. Veränderungsmessungen (speziell von Symptomrückgang) über Selbstrating-Skalen scheinen auch grundsätzlich bei Zwangskranken schwieriger zu sein als bei Patienten mit anderen Angsterkrankungen (s.a. Hand et al. 1979). Eine entgültige Klärung wird erst durch weitere vergleichende Forschung mit der Y-BOCS und dem HZI bei Zwangskranken und bei Patienten mit anderen Hauptstörungen (und zusätzlicher Zwangssymptomatik) möglich werden. Ein direkter Vergleich von Studien mit Zwangskranken, bei denen entweder die Y-BOCS oder das HZI eingesetzt wurden, erscheint aufgrund unserer Ergebnisse vorerst jedenfalls nicht sinnvoll.

Die Y-BOCS ist ein (über-?)sensibles Instrument zur Erfassung von Veränderungen des Schweregrades einer Zwangsstörung. Trotz einiger inhaltlicher Vorbehalte (s.u.) ist sie u.E. aufgrund der dargestellten Ergebnisse zur Reliabilität und Validität für den Einsatz in der klinischen Praxis wie auch in der Forschung als gegenwärtig am besten abgesichertes Fremdrating einzustufen.

Der Zeitaufwand für die Durchführung beträgt nach Einarbeitung zwischen 30 und 60 Minuten.

Ein Rater-Training ist für Foschungsvorhaben erforderlich; dessen Modalitäten sind jedoch nicht verbindlich festgelegt.
 
 
 
Anmerkungen zur deutschen Übersetzung der Y-BOCS

Die im folgenden vorgelegte Übersetzung der Y-BOCS (Büttner-Westphal und Hand, 1991) erfolgte auf der Grundlage der revidierten Version von 1989. Diese unterscheidet sich gegenüber jener von 1986, die die Grundlage für die o.a. Reliabilitäts- und Validitätsuntersuchungen darstellte, in einigen Bereichen deutlich. Die für Forschungsarbeiten benutzten Scores werden jedoch weiterhin (wie bei der ersten Fassung) nur aus den Items 1-10 gebildet, die in beiden Versionen - bis auf die folgenden Veränderungen - identisch sind:

In den Items 1 und 6 wurden die spezifischen Häufigkeitskriterien der Originalversion durch reliabler erscheinende Zeitkriterien ersetzt: die Instruktionen zu Item 4 wurden ausführlicher abgefaßt, um die Beurteilung von Patienten, die bestimmte verhaltenstherapeutische Therapieverfahren bei sich selbst anwenden, zu verbessern (dieser Versuch scheint uns in der vorliegenden Formulierung mißlungen; er wurde aber, um die Originalfassung bei der Übersetzung nicht zu verändern, direkt übernommen), ansonsten erfolgten allenfalls geringfügige sprachliche Veränderungen.

Die weitergehenden Veränderungen in der revidierten Fassung liegen vor allem in der Einführung von zwei zusätzlichen Items sowie inhaltlichen und sprachlichen Veränderungen in den Items 11-16.

Die beiden neuen, explorativen Items - 1b (zusammenhängende Zeitintervalle ohne Denkzwänge) und 6b (zusammenhängende Zeitintervalle ohne Handlungszwänge) - sollen die Beurteilung der Schwere der Symptomatik um eine zusätzliche Dimension (nämlich die symptomfreien Zeitintervalle) als Ergänzung zu den originalen Items 1 und 6 (Dauer der Symptomintervalle) erweitern. Diese Erweiterung erfolgte aus der klinischen Erfahrung, daß Verbesserungen im Therapieverlauf von einigen Zwangskranken anfangs eher über Ratings längerer symptomfreier Intervalle als über Ratings kürzerer Symptomintervalle angegeben wurden. Eine experimentelle Abklärung, inwieweit die beiden Items 1b und 6b die Sensivität der Y-BOCS hinsichtlich der Abbildung von Veränderungen erhöht haben, steht noch aus (ein positives Ergebnis erscheint uns eher unwahrscheinlich). Aus diesem Grunde werden sie auch nicht in den Gesamtscore einbezogen.

Die Items 11-16 wurden sprachlich wie inhaltlich überarbeitet. Sie sind damit für den mit Zwangskranken erfahrenen Therapeuten überzeugender geworden, wenngleich uns einige Items inhaltlich immer noch dringend überarbeitungsbedürftig erscheinen.

Wir benutzen in dieser Übersetzung die Begriffe Denk- und Handlungszwänge bzw. Zwangsgedanken und -handlungen synonym; erstere bilden eher eine übergeordnete Begriffsebene ab (vgl. in: Zaworka et al. 1983). Im deutschen Sprachraum fehlt bisher eine einheitliche Begriffsregelung.

Die psychometrische Analyse der deutschsprachigen Version der Y-BOCS steht noch aus.

Eine für die Untersuchung von Kindern modifizierte Form der Y-BOCS liegt bisher nur in englischer Sprache vor und ist direkt über Dr. Goodman erhältlich.
 
 
 
Quellenhinweis

Die deutsche Fassung der Yale-Brown Obsessive Compulsive Scale (Y-BOCS) nach der überarbeiteten Fassung 1989 (Autorisierte deutsche Übersetzung und Bearbeitung von H. Büttner-Westphal & I. Hand 1991) finden Sie in: Verhaltenstherapie. 1991; Heft 1; S. 226-233.
 
 
 
Literatur
 
American Psychiatric Association: Diagnostic and statistical manual of mental disorders. 3rd revised ed. (DSM-III-R) APA, Washington DC 1987. Deutsche Bearbeitung: Wittchen H.U., Saß H., Zaudig M., Koehler K., Weinheim, Beltz Verlag 1989.

Goodman W., Rasmussen S.T., Price L., Mazure L., Heninger G., Charney D.: Yale-Brown Obsessive Compulsive Scale. Manuscript, 1986; revised 1989. Deutsche Übersetzung und Bearbeitung: Büttner-Westphal H., Hand I. Verhaltenstherapie 1991; 1; 226-233.

Goodman W.K., Price L.H., Rasmussen S.A., Mazure C., Fleischmann R.L., Hill C.L., Heninger G.R., Charney D.S.: The Yale-Brown Obsessive Compulsive Scale: I. Developement, use and reliability. Arch Gen Psychiatry 1989a; 46; 1012-1016.

Goodman W.K., Price L.H., Rasmussen S.A., Mazure C., Delgado P., Heninger G.R., Charney D.S.: The Yale-Brown Obsessive Compulsive Scale: II. Validity. Arch Gen Psychiatry 1989b; 46; 1006-1011.

Guy W.: ECDEU Assessment Manual for Psychopharmakology. Washington DC: US Department of Health, Education and Welfare Publications, 1976, pp 76-332.

Hand I., Büttner-Westphal H., Münchau N.: Chronisch verlaufende Angsterkrankungen: Therapie-Pilotstudie (bisher unveröffentlichter Abschlußbericht für das BMFT) 1991.

Hand I., Tichatzki M.: Behavioral group therapy for obsessions and compulsions: First results of a pilot study. in: Sjöden PO, Bates S., Dokkens W.S. (eds.): Trends in behavior therapy. New York, Acadmic Press. 1979, pp 269-297.

Hodgson R., Rachmann S.: Obsessional compulsive complaints. Beh Res Ther 1977; 15; 389-395.

Klepsch R., Zaworka W., Hand I., Lünenschloß K., Jauernig G.: Deviration and validitation of the Hamburg Obsession Compulsion Inventory - Short Form (HOCI-S): First results. Psychological Assessment Consult Clin Psychol. 1991 (im Druck).

Zaworka W., Hand I., Jauernig G., Lünenschloss K.: HZI Hamburger Zwangsinventar. Manual. Weinheim, Beltz Test Gesellschaft. 1983.

Hinweis: Die inhaltliche Verantwortung liegt bei den Autoren.